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Von der Umweltbombe zum Vorzeigeobjekt

Mittwoch, 05. Juni 2024, 13:21 Uhr
Weiß gedeckte Kaffeetafel, Häppchen und Sekt im nagelneuen Autohaus Peter in der Paul-Schäfer-Straße 97 in Erfurt. Ungewöhnlich. Oder auch nicht. Denn Helmut Peter, der Seniorchef eines der größten Autohäuser Ostdeutschlands, hatte jene Menschen zum Empfang gebeten, die hier an ebendieser Stelle ein Berufsleben lang verbracht hatten.

In einer Branche, ohne die sich keines seiner Kraftfahrzeuge bewegen würde. 16 ehemalige Mitarbeiter darunter sechs Damen, des früheren VEB Kombinat Minol, das in der DDR allein für die Versorgung mit Kraft- und Schmierstoffen verantwortlich war, waren der Einladung des umtriebigen und expansionsfreudigen Autohändlers (30 Autohäusern an 16 Standorten) gefolgt. Für den 66-Jährigen war es eine Geste des Respekts und der Wertschätzung. Er wolle die Menschen, die hier ihr Berufsleben verbracht haben, nicht vergessen, so sein Credo.

Die Idee des Nordhäusers kam bestens an. „Wunderbar“, „total begeistert“ war von den Gästen nach dem Firmenrundgang zu hören. Und die sechs Seniorinnen und zehn Senioren hatten noch genau vor Augen, wie es zu ihrer aktiven Zeit hier im früheren Minol-Lager aussah. Im Boden steckten damals 35 riesige Kraftstofftanks, die 1942 hier vergraben wurden. Aber da man es zu Ost-Zeiten mit dem Umweltschutz nicht allzugenau nahm, lief da beim Umfüllen von den Kessel- und die Tankwagen auch schonmal was daneben.

„Tropfverluste“ wurde das genannt, erinnert sich Rüdiger Kachel. Der heute 80-Jährige hatte 33 Jahre seines Berufslebens im Minol-Tanklager verbracht. Es sei eben nichts investiert worden, um die Technik auf einen modernen Stand zu bringen. Oder man spritzte mit Diesel, um Unkraut in den Gleisanlagen zu bekämpfen, erinnert sich Christa König (83), die 38 Jahre bei Minol gearbeitet hatte. Weil Unkraut eine Brandgefahr gewesen sein soll, habe es damals geheißen. Welch verquere Denke. Besonders viel soll 1945 „danebengelaufen“ sein, weiß sie noch. Es wurde kolportiert, dass, als klar war, dass die Amerikaner Thüringen an die Russen abtreten mussten, die Amis kurzerhand alle Kesselwagen öffneten, weil der Kraftstoff den Russen nicht in die Hände fallen sollte.

Das alles summiert hatte dem Boden extrem zugesetzt. 1993 wurde das Tanklager geschlossen. Alles verfiel, Kinder und Obdachlose tummelten sich auf diesem nicht ungefährlichen Abenteuerspielplatz. Dann versuchten sich zahlreiche Glücksritter mit windigen Plänen an dem Grundstück. Erst Helmut Peter, der auf der Suche nach einer passenden Immobilie war, weil ihm an seinem langjährigen Standort in der Schlachthofstraße der Mietvertrag gekündigt wurde, hatte dann die überzeugendste Idee. Ein helles, freundliches Autohaus mit Verkauf, Service, Reparaturzentrum und im Endausbau mit bis zu 120 Mitarbeitenden sollte es werden. Durch Zufall war er auf das Grundstück aufmerksam geworden. Und ließ sich auch von den Altlasten im Boden nicht mehr von seiner Idee abbringen.

Für 400.000 Euro kaufte er die 3,2 Hektar große Brache. Als er 2019 mit dem Freistaat über die 90-Prozent-Förderung zur Entseuchung der Altbrache einig war, wurden 25.000 Tonnen kontaminierte Erde bis in sieben Meter Tiefe abgetragen und in Spezialwerke nach Riesa und Bleicherode zur Reinigung gebracht. Auch das in Mitleidenschaft gezogene Grundwasser der Gammelbrache — schon zu DDR-Zeiten fand die benachbarte Umformtechnik in ihren Brunnen den Minol-Diesel — wurde monatelang mit Spezialtechnik gereinigt. Im November war der Boden sauber. Alles in allem eine teure Angelegenheit.

Einer von Helmut Peters Unterstützern und Fürsprechern bei diesem Kampf gegen die Umweltsünden der Vergangenheit, hatte sich den Termin mit den Minol-Senioren nicht nehmen lassen — Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow, der die Brache selber gut kannte. War er doch Anfang der 90er-Jahre, damals noch als Gewerkschaftssekretär, mit der Betreuung der gegenüberliegenden GHG Haushaltswaren (heute das „Kontor“) betraut.

Er freue sich, dass auf etwas Vergangenem etwas Zukünftiges entstanden sei — das weltweit modernste Autohaus des Stellantis-Konzerns mit sieben Automobilmarken. 95 Meter lang, 50 Meter breit, sieben Meter hoch. Monteursarbeitsplätze mit Bodenheizung, größere Büroflächen mit viel Glas und Licht. Dazu ein Karosserie- Lackierzentrum und ein Reifen-Hotel. Für die Automarke Suzuki, die nicht zum PSA-Konzern gehört, wurde zudem ein 600 Quadratmeter großes Center hingestellt. 15 Millionen Euro hat das Peter-Unternehmen investiert, 3,8 Millionen Euro gab der Freistaat Thüringen zur Entseuchung des kontaminierten Bodens. Am 22. April 2023 wurde alles feierlich eröffnet. Eine über 20-jährige Odyssee fand ihr glückliches Ende. Und eine über vierjährige Planungs- und Bauphase.

Nachtrag: Das Autohaus bekommt übrigens demnächst noch einen bekannten Nachbarn. Helmut Peter wird sechs Millionen Euro in den Bau eines neuen Dekra-Zentrums für ganz Thüringen investieren.

Michael Keller